Ein wichtiges neues Buch über die russlanddeutschen Aussiedler in Deutschland Der kanadische Mennonitenforscher Prof. Loewen über John N. Klassens Forschungen (Rezension)

Verlag für Kultur und Wissenschaft, Bonn
Buchrezensionen
Ein wichtiges neues Buch über die russlanddeutschen Aussiedler in Deutschland Der kanadische Mennonitenforscher Prof. Loewen über John N. Klassens Forschungen (Rezension) -

John N. Klassen, Russlanddeutsche Freikirchen in der Bundesrepublik Deutschland. Grundlinien ihrer Geschichte, ihrer Entwicklung und Theologie. Bonn: Verlag für Kultur und Wissenschaft & Nürnberg. 444 S. ISBN 978-3-938116-36-4 (VKW). ISBN 978-3-937965-87-1 (VTR)

Dieses Buch, ursprünglich eine Dissertation an der Universität von Südafrika, ist die erste wissenschaftliche Studie über die russlanddeutschen "freikirchlichen" Gruppen, darunter Katholiken, Lutheraner, Baptisten, Pfingstler und Mennoniten. Es waren die deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer und Willy Brandt, die mit den Russen Abkommen schlossen, nach denen Deutsche aus der Sowjetunion nach Deutschland, ihrem ursprünglichen Heimatland, aussiedeln konnten. Für Klassen, der selbst nach dem Zweiten Weltkrieg die Sowjetunion verließ, muss dieses Buch eine Herzensangelegenheit gewesen sein. Neben der schweren Arbeitslast als Lehrer und Pastor unter den Aussiedlern hat er jahrelang daran gearbeitet, das Leben und die religiösen Praktiken seiner Landsleute zu erforschen.

Das Buch wird unterteilt in vier Hauptabschnitte mit mehreren Unterabschnitten. Teil 1, der historische Teil, handelt von den deutschen Bauern und Handwerkern, die auf Einladung der Zarin Katharina II (der Großen) im 18. und 19. Jahrhundert ihre Heimat verließen. In dem neuen Land bauten die Siedler ihre Gemeinwesen, Bauernhöfe und Geschäfte auf und konnten ihren Glauben frei praktizieren. Sie waren vom russischen Militärdienst befreit, was besonders von den pazifistischen Mennoniten geschätzt wurde. Aufgrund ihrer privilegierten Stellung in Russland liebten die deutschen Siedler die als Deutsche geborene Zarin und alle folgenden russischen Zaren.

Der Erste Weltkrieg (1914-18) und die darauf folgende kommunistische Revolution von 1917 veränderten das Leben der Russlanddeutschen dramatisch: fast alle verloren ihr Eigentum an den Staat und ebenso die Freiheit, ihre eigene Religion zu praktizieren. Ganze Gemeinwesen wurden entwurzelt, ihre religiösen Führer verbannt und viele erschossen. Während ihres Lebens im Gulag feierten die russlanddeutschen Gläubigen jedoch weiter privat Gottesdienste in ihren Häusern, gaben ihren Glauben an ihre Kinder weiter, gründeten Hauskirchen und versuchten sogar, ihre Nachbarn zu evangelisieren. Als sich daher die Gelegenheit bot, Russland in Richtung Deutschland zu verlassen, taten das viele. Die Deutsche wurden nämlich oft, obwohl sie Sowjetbürger waren, als "Faschisten" verlästert.

Teil 2 handelt davon, wie die russlanddeutschen Menschen zwischen den 1960er Jahren und 2000 die Sowjetunion Richtung Deutschland verlassen. Der Verfasser behandelt Katholiken, Lutheraner, Baptisten, Mennoniten und einige andere religiöse Gruppen ziemlich gleich. In dieser Besprechung konzentriere ich mich jedoch mehr auf die Baptisten und Mennoniten, die mehr als alle anderen Gruppen ihre eigenen Gemeinden, getrennten von den einheimischen deutschen Kirchen, gebildet haben. Die baptistisch-mennonitischen Aussiedler in Deutschland zählten Ende 2007 rund 87.000 Menschen. Diese Zahl schließt nicht die einheimischen Deutschen in den Aussiedlergemeinden ein, auch nicht die ungefähr 9.000 Gläubigen mit Aussiedlerhintergrund in deutschen Gemeinden. 1998 gab es 370 Aussiedlergemeinden. Diese Zahl wuchs auf über 500 Gemeinden in 2007.

Als die Baptisten und Mennoniten neu in Deutschland ankamen, hofften die einheimischen Deutschen, sie würden sich ihren Gemeinden anschließen und ihnen helfen, ihr eigenes Gemeindeleben neu zu beleben. Das geschah in der Regel nicht, während viele katholische und protestantische Umsiedler sich den deutschen Kirchen anschlossen. Die kulturellen und religiösen Unterschiede zwischen einigen der neuen Gruppen und den einheimischen Deutschen stellten sich als zu groß heraus. Die Neuankömmlinge fühlten sich mit den religiösen und ethischen Praktiken der deutschen Gemeinschaften nicht wohl. Die deutschen Gemeinden mit ihrer Offenheit für die moderne Kultur und liberale Praktiken bezüglich Kleidung, Fernsehen, Theater, Gebrauch von Alkohol schienen den konservativeren Neuankömmlingen zu "weltlich" zu sein.

Teil 3, der größte Teil des Buches (S. 149-363) behandelt Wachstum und Entwicklung der Aussiedlergemeinden. Während die einheimischen deutschen Gemeinden wenig zahlenmäßiges Wachstum aufweisen, sind die Aussiedlergemeinden in der Mitgliederzahl erheblich gewachsen, haben ein aktives Gemeindeleben und solide Lehrprogramme für ihre Kinder und Jugendlichen entwickelt. Die größeren Gemeinden, darunter die in Bielefeld, Neuwied, Espelkamp und Frankenthal, um nur einige wenige zu nennen, rühmen sich einer Mitgliederschaft von jeweils weit über 600 Gläubigen. Sie führen auch aktive Programme der Mission und Evangelisation durch und versuchen, das Evangelium den einheimischen Deutschen zu bringen. Während ihr Erfolg anfangs minimal war, brachte die Evangelisation unter den einheimischen Deutschen mit der Zeit positivere Resultate. Ende 1998 gab es 2140 einheimische Gläubige in den Aussiedlergemeinden.

Teil 4 besteht aus zahlreichen Schaubildern, Karten, Tabellen, Statistiken, einer Liste von nach 1998 gegründeten neuen Gemeinden, einer umfangreichen Bibliographie und einem nützlichen Index. Für ernsthafte Historiker und Soziologen, die Einwanderungsgruppen erforschen, ist dieser Teil eine Goldmine der Information.

Im verbleibenden Teil dieser Besprechung kann ich mich nur auf einige Aspekte des Lebens und Glaubens der Aussiedler, insbesondere der Mennoniten und Baptisten, beziehen und sie kurz kommentieren.

Um die Aussiedler und ihre Wege zu verstehen, erklärt der Verfasser oft nur indirekt, dass die Neuankömmlinge ihr Glaubensleben in der ehemaligen Sowjetunion unter erheblichem Druck, darunter auch schwere Verfolgung, begannen. Im atheistischen Russland war es illegal, frei Gottesdienst zu feiern und ihren Glauben an ihre Kinder weiterzugeben. Ihren religiösen Glauben an ihre Nachbarn weiterzugeben, war verboten und wurde bestraft. Die Führer wurden an unwirtliche Orte verbannt, in schwere Arbeitslager, und gegen sie wurden lange Haftsstrafen verhängt. Mennoniten und andere Gruppen wurden aus ihren Häusern in der Ukraine und dem Wolgagebiet vertrieben in nördliche Gebiete jenseits des Ural und bis nach Sibirien.

Die Verbannten mussten lernen zu überleben – sowohl körperlich als auch als Glaubensgemeinschaften. Nach dem Tod Stalins in 1953 wurde die brutale Herrschaft leicht gelockert. Um 1956 begannen deutschsprachige Gläubige nach ihren Lieben zu suchen und sammelten sich dann in verschiedenen Gebieten der Sowjetunion. Weil es ihnen nicht gestattet war, in ihre ehemaligen Häuser zurückzukehren, organisierten sie kirchliche Gemeinschaften in ehemaligen Strafzentren wie Karaganda in Kasachstan. Aus dieser Gegend kamen die meisten Aussiedler nach Deutschland.

Bedenkt man ihren Leidenshintergrund und ihren Kampf um das religiöse Überleben, dann ist es verständlich, dass sich die Aussiedlergemeinden in ihrer kulturellen und geistlichen Sicht von der der einheimischen deutschen Bürger unterscheiden. In Russland mussten sie, oft bis zu ihren Tod, darum kämpfen, ihren Glauben und die jungen Leute zu erhalten; jetzt kämpfen sie in Deutschland wieder gegen das, was sie für "die Welt" mit ihren schädlichen Einflüssen halten. Die einheimischen deutschen Mennonitengemeinden werden als zu liberal und als eine Bedrohung ihres Glaubens und ihrer Lebensart angesehen. Die Aussiedler sind zwar offen für Integration und dafür, gute deutsche Bürger zu sein, sie möchten sich aber an die deutsche religiöse und kulturelle Umwelt nicht anpassen.

Die mennonitischen Aussiedler betrachten sich selbst als Erben des wiedertäuferischen Erbes. Wie die frühen Wiedertäufer versuchen sie, in allen Dingen, darunter auch dem Lebensstil, der Trennung von der Welt und der Politik, dem Nichtschwören von Eiden, der Ablehnung des Militärdienstes und einem Eifer für Evangelisation und Mission, nach Buchstaben und Geist der Bibel zu leben. Sie versuchen, ihren geistlichen Vorfahren, den "Schweizerischen Brüdern" des 16. und den "Mennonitischen Brüdern" des 19. Jahrhunderts, zu folgen.

Was ist die Zukunft der Aussiedler? Die Neuankömmlinge sind Deutschland dankbar für die Gelegenheit, in einem Land von Freiheit und Überfluss zu leben. Aber gemäß dem Buch gibt es wenigstens für die voraussehbare Zukunft kein Anzeichen dafür, dass sich die Mehrheit deutschen Kirchen anschließen wird. Klassen zitiert Hans von Niessen, einen Leiter unter den Neuankömmlingen, dahingehend, dass die Umsiedler argwöhnisch gegenüber der Offenheit der Deutschen für Ökumenismus, Feminismus und Weltlichkeit sind. Ein Gläubiger, der nach Deutschland kommt, so Niessen, wird in den alten Kirchen kaum etwas finden, womit er sich identifizieren will (S. 354).

John Klassen ist dafür zu loben, dass er die Geschichte der Umsiedler sowohl objektiv als auch mit Mitgefühl behandelt. Dieses Buch ist eine wissenschaftliche Studie und daher nicht leicht zu lesen. Wer jedoch die Aussiedler in Deutschland kennenlernen will, kann nichts Besseres tun, als dieses wichtige Buch zu studieren. Das Buch sollte in alle mennonitischen und konfessionskundlichen Institutionen und Büchereien platziert werden.

Vorstellung Loewen und Klassen

Harry Loewen floh als Kind mit seiner Familie vor Stalins Terror über Polen und Deutschland schließ´lich nach Kanada. Mit seinen Hochschulabschlüssen in Reformationsstudien und in Germanistik war er 1978-1993 Professor für Mennobitische Studien an der Staatlichen Universität von Winnipeg (Kanada). Er gilt weltweit als eine der führenden Autoritäten zur Geschichte und Gegenwart der Mennoniten.

John N. Klassen, Jahrgang 1929, geboren in Steinfeld. Als Flüchtlingsjunge auf einer Jugendfreizeit zum Glauben an Jesus Christus gekommen. 1948 nach Kanada ausgewandert. Verheiratet mit Mary, drei Kinder. Zunächst Zimmermann, dann Studium u.a. am Fresno Mennonite Brethren Biblical Seminary und Fuller Theological Seminary, Pasadena. Seit 1960 Pastor in Deutschland. Promotion 2002 an der Universität Südafrika. Dozent in Brake, Korntal. Seit 1993 am Bibelseminar Bonn.

Friedhelm Jung über John N. Klassens Buch

Während die meisten christlichen Kirchen Deutschlands seit Jahren Stagnation oder Rückgang verzeichnen, erfreuen sich die evangelikal geprägten russlanddeutschen Gemeinden eines kontinuierlichen Wachstums. Sie stellen inzwischen einen wichtigen Zweig innerhalb der deutschen evangelikalen Bewegung dar.

Es ist das Verdienst von John N. Klassen, in seiner breit angelegten Dissertation der Öffentlichkeit diesen neuen Zweig vorzustellen. Klassen spannt einen weiten Bogen von der Auswanderung der Deutschen im 18. Jahrhundert über die Entstehung deutschsprachiger Freikirchen in Russland und ihrer brutalen Verfolgung unter dem Kommunismus bis hin zur Rückkehr nach Deutschland seit etwa 1960. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Darstellung der in Deutschland gegründeten Gemeinden, Gemeindeverbände, Missionswerke und Bildungseinrichtungen. Mit viel Akribie und Liebe zum Detail belegt und analysiert der Verfasser das rasche Wachsen der Aussiedlergemeinden, beschreibt Glaube und Lebensstil der russlanddeutschen Evangelikalen und setzt sich kritisch mit der Integrationsbereitschaft der Russlanddeutschen auseinander.

Klassens Werk stellt einen lange erwarteten und unverzichtbaren Beitrag zur Aussiedlerfrömmigkeit dar. Evangelikale Aussiedler können sich nun kritisch mit ihrer eigenen Geschichte auseinandersetzen, einheimische Evangelikale lernen eine für sie bisher eher unbekannte Welt kennen.

Prof. Dr. Friedhelm Jung, Bibelseminar Bonn


News