Thomas Schirrmacher: Galilei-Legenden und andere Beiträge zu Schöpfungsforschung, Evo­lutionskritik und Chronologie der Kultur­geschichte 1979-1994 (Rezension)

Verlag für Kultur und Wissenschaft, Bonn
1997-05-17 14:02:00 / Buchrezensionen
Thomas Schirrmacher: Galilei-Legenden und andere Beiträge zu Schöpfungsforschung, Evo­lutionskritik und Chronologie der Kultur­geschichte 1979-1994 (Rezension) -

Thomas Schirrmacher. Galilei-Legenden und andere Beiträge zu Schöpfungsforschung, Evo­lutionskritik und Chronologie der Kultur­geschichte 1979-1994. Biblia et symbiotica 12. Ver­lag für Kultur und Wissenschaft: Bonn, 1996. 331 S. Pb.

Der Prozeß gegen Galileo Galilei im 17. Jahrhundert muß im­mer wieder als Argument gegen kreationi­stische Wissen­schaftler herhalten, die ihren Glauben an die Zuverlässigkeit der Bibel zum Ausgangspunkt für ihre wissenschaftliche Forschung ma­chen. Der Glaube macht blind für wis­senschaftliche Fort­schritte und hindert die Wissenschaft, heißt es dabei unausge­sprochen. Das Bild vom Prozeß des Vatikan gegen Ga­lileo Gali­lei, das dabei im Hin­tergrund steht, hält der historischen Forschung nicht stand. Zu viele Le­genden müs­sen das Bild vom Kampf zwischen der ach so engstir­nigen christ­lichen Kirche und dem ach so genialen und ra­tionalen Naturwissen­schaftler stützen. In 16 Thesen weist Thomas Schirrmacher im Titel­beitrag seines neuesten Buches nach, daß der Streit zwischen Galilei und Papst vor allem eine persönliche Auseinandersetzung war, war der Papst selbst doch zunächst ein glühender Anhänger Galileis bis dieser ihn in seiner Eitelkeit kränkte. Zu dieser Zeit lehrte der größere Teil der kirchlichen Naturwissenschaftler längst nicht mehr, daß die Sonne sich um die Erde drehe. Im übrigen ist es unumstritten, daß Galilei zeitle­bens nie einen Beweis für seine Sicht erbrachte, auch wenn ihm die Legende noch so viele andichtet.

Thomas Schirrmacher, promovierter Theologe (Kampen) und Kulturan­thropologe (Los Angeles) und u. a. Professor am Philadelphia Theological Seminary, kam schon als Gymnasiast mit der damals noch 'Kreationismus' genannten Schöpfungsforschung in Berührung und hielt seine ersten Vorträge zur Thema­tik. Sein erster hier abgedruckter Artikel erschien in seiner Studentenzeit 1979 im 'Creation Research So­ciety Quarterly' ("Musik: Evolution oder Schöpfung?). Seitdem hat sich Schirr­macher 25 Jahre lang konti­nuierlich vor allem im Rahmen des Bibelbun­des, der Studiengemeinschaft 'Wort und Wissen', an Ausbil­dungsstätten und in evangelikalen Zeitschriften zu kreationistischen Themen geäußert. Die meisten hier abgedruckten Beiträge sind zuerst in den Zeitschriften 'Factum' und 'Bibel und Gemeinde' oder aber als Ab­schnitte anderer Bü­cher des Autors erschienen. Eine Reihe umfangreichere Beiträge wie der Titelbeitrag sind bearbeitet und auf den neusten Stand gebracht worden, die meisten Beiträge jedoch bewußt unverän­dert so aufgenommen worden, wie sie seinerzeit verfaßt wurden, auch um die Entwicklung der Schöp­fungsforschung ein Stück weit mit zu dokumentieren.

Schirrmachers  Schwerpunkte sind die biblischen Exegese (z. B. "Gibt es zwei sich widersprechende Schöpfungsberichte?", "Zur Entstehung der Genesis"), die ethischen Konsequenzen der Evolutionstheorie (z. B. "Die Bedeutung von Schöpfung und Evolutionstheorie für die Ethik"), Ethnolo­gie und Kulturanthropolo­gie (z. B. "Urzeitmythen afrikanischer Völker", "Antike Sintflutsagen") und die Notwendigkeit einer alterna­tiven Chronolo­gie der Kulturgeschichte (z. B. "Das biblische Alter der Erde", "Das Ver­hältnis der ägypti­schen zur israelitischen Chronologie").

Seinem früh ausgesprochenen Anliegen, den 'Kreationismus' aus dem Bereich der Naturwissenschaften heraus in alle - auch die geisteswissen­schaftlichen - Fachgebiete auszuweiten, wird heute in der deutschen Schöpfungsforschung allgemein entsprochen. Überhaupt läßt sich an vielen Kommentaren, mit denen Schirrmacher das Wachstum der kreatio­nistischen Bewegung begleitet hat (z. B. "Kreationisten unter sich", vgl. "Geschichte des deutschsprachigen Kreationismus") und deren Kritik heute - sicher nicht nur wegen seines Wirkens - entsprochen wird, able­sen, wieviel die Bewegung der Schöpfungsforschung in Deutschland im Laufe der Jahre dazugelernt hat. Das läßt für die Zukunft hoffen.

Dr. Carsten Hobohm


News